Bruckner's Decision

Featurefilm, 81 min, 1995

Director(s): Jan Schmidt-Garre
DOP: Pascal Hoffman
Editor: Edith Eisenstecken, Evi Oberkovler
Actors: Joachim Bauer, Sophie von Kessel, Joachim Kaiser, Michael Ponti, Julia Regehr, Klaus Haderer

The dramatization of a severe professional and personal crisis in the life of Anton Bruckner, who has to make the most important decision he will ever make: whether to stay in his hometown of Linz as a teacher and organist or go to Vienna to work as a composer. This period of soul-searching makes his later symphonies all the more powerful.


Co-produced by TE DEUM MEDIA APS København, HFF München, ARTE/ZDF, ZDF and Danmarks Radio
Supported by the Bavarian Film Funds FFF, BMI, BLM and Greco

Press

Christoph Zimmermann, Generalanzeiger, Bonn, May 27, 1995
Intellektuell komponierter Filmessay.

Kölner Stadtanzeiger, May 30, 1995
Der Film, in körnigem Schwarzweiß gedreht, vermittelt in seinem ruhigen Erzähltempo, seinen langen Einstellungen zugleich etwas von der gedehnten Zeitstruktur in Bruckners Musik. Seine ungewöhnliche Perspektive zielt am Problem des Schöpferischen vorbei und läßt es zugleich im biographischen Detail unvermittelt aufscheinen. Der Film "Bruckners Entscheidung" wirkt besonders dort authentisch, wo er die Fiktion zu Hilfe nimmt.

Kieler Nachrichten, Mar. 20, 1996
Sensibles Porträt, das Bruckners komplizierte Persönlichkeit auch durch Einblicke in die Kindheit und Jugendzeit erschließt.

Harald Eggebrecht, Süddeutsche Zeitung, June 26, 1995
Bilder, die bleiben: Ein stiller See von dunklem Tann umgeben, Regen fällt und tränkt die Luft, ein einsamer Mann mit breitkrempigem Hut und schwarzem Gehrock eilt am Ufer entlang, als wisse er wohin. Der im Irrgarten von Liebe und Angst taumelnde Anton Bruckner ist auf der Flucht vor den Furien erotischer Vergeblichkeit und vor der Unausweichlichkeit des eigenen Genius. Zu erfahren in Jan Schmidt-Garres langsamer Erkundung von Bruckners Entscheidung, ein Genie zu werden.

Josef Lederle, Film-Dienst 26/1995
Das Interesse Schmidt-Garres gilt der Lebenskrise und dem Wendepunkt des Komponisten, dessen Ringen um eine berufliche Entscheidung zur Folie für einen philosophischen Essay über die Notwendigkeit einer Bestimmung wird. Angelehnt an Kierkegaards Entweder-Oder-Kategorie thematisiert der Film menschliche Freiheit und die Notwendigkeit von Entscheidungen, ohne sich auf psychologische Erklärungen einzulassen. Bild und Ton sind in diesem fast meditativen Schwarzweißfilm weitgehend voneinander entkoppelt, spielen wie die Musik von Bruckner oder Wagner eine eigenständige Rolle. Wer sich in das Innere der Figuren vortasten will, muß seinem Gehörsinn trauen und Sätze wie den von Sophie zu Ende denken: "Was ist das für eine Freiheit, in der alles möglich ist, um den Preis, daß nichts wirklich ist?"

Torbjörn Bergflödt, Badener Tagblatt, Mar. 22, 1996
Handwerklich herausstechend: die lebendige Kameraarbeit.

aus: Harald Eggebrecht, "Annäherungen an einen Unnahbaren. Zu den Bruckner-Filmen von Ken Russell und Jan Schmidt-Garre", Jahrbuch der Münchner Philharmoniker 1994-96
Wie in Ken Russells "Seltsamen Heimsuchungen des Anton Bruckner" steht auch in "Bruckners Entscheidung" der Kur-Aufenthalt in Bad Kreuzen im Mittelpunkt. Regisseur Jan Schmidt-Garre, der 1992 mit einem ungemein einfühlsamen, preisgekrönten Dokumentarfilm über Sergiu Celibidache von sich reden gemacht hat, beobachtet in geradezu aufreizender Langsamkeit und Ruhe seinen Bruckner. Der Schauspieler Joachim Bauer verblüfft durch unheimliche Ähnlichkeit mit einer Photographie Bruckners aus dem Jahre 1854, die ihn als elegant gekleideten Herrn zeigt mit kurzgeschnittenem schwarzem Haar und feschem Schnauzbart. Auch Photographien von 1868 zeigen einen noch immer kräftigen Mann in den besten Jahren, keineswegs das sonst so vertraute Greisenantlitz.
Im ganzen Film spricht niemand direkt, abgesehen von ein paar Anweisungen des Pflegepersonals und Jauchzern beim Baden im See. Dafür breitet Schmidt-Garre im Off einen fiktiven Briefwechsel aus zwischen einem unsichtbaren Kurgast, der an Bruckner wach-senden Antel nimmt, und seiner jungen Braut, die den Aufenthalt ihres Verlobten in Bad Kreuzen als Flucht sieht. Neben diesem Hauptdialog läßt Schmidt-Garre einige Passagen Bruckners zitieren, darunter den in seiner kaum beherrschten Dringlichkeit bewegenden Liebesbrief an Josephine Lang.
Im gelassenen, dabei spannungsvollen Fluß der Schwarzweißbilder, im Rhythmus des Kuralltags, geprägt von den sich wiederholenden Ritualen der Heilgüsse und -bäder, tauchen Fragmente aus Bruckners Musik auf. Nicht als Untermalung verstanden, sondern als Ideen-Bruchstücke des sich allmählich seelisch stabilisierenden Komponisten. Bad Kreuzen und die Kaltwassermethoden des Dr. Prießnitz sind letzter Fluchtort, Inkubation vor der endgültigen Klarheit, Symphoniker zu werden. Erst nach diesem Aufenthalt wird Bruckner seine bedeutendsten Werke schreiben.
Während Russells Bruckner als extrovertierter Sonderling erscheint, reift Bruckner bei Schmidt-Garre dem endgültigen Entschluß, sein außerordentliches Talent anzunehmen und daraus die Konsequenzen zu ziehen, stumm und nach innen gekehrt entgegen. Bleiben bei Ken Russell die Anstalt und ihre Umgebung, die Behandlungen folienhafter Hintergrund, rücken sie bei Schmidt-Garre als mitgestaltende Kräfte in den Vordergrund. Es ist, als ob der Zuschauer selbst mitbehandelt werde, langsam gleitet auch er in die Macht dieser variationsreichen Wasserkünste, die Bruckners Fixierungen lockern, seine Gedanken und Gefühle verflüssigen. Behutsam und wachsam erkundet Schmidt-Garre den geheimnisvolen, letztlich unaufdeckbaren Pfad zum Genie, ohne Bruckner zu nahe zu kommen. Wo Ken Russell in karikierender Überzeichnung etwas von Bruckners vielschichtiger Fremdheit erhellt und ihn als kurioses, doch bewunderungswürdiges Original skizziert, verläßt sich Schmidt-Garre ganz auf den Sog unaufhaltsamer Veränderung: Bruckner nicht als festgefügte, fertige Persönlichkeit, sondern als dynamischer groß-dimensionierter Prozeß ganz eigenen Tempos.
Der Höhepunkt gleicht schließlich einer Implosion, verdeutlicht in einer suggestiven Sequenz: Bruckner sitzt auf dem Steg am See und lauscht seinem Innern, in dem Wagners "Tristan" tönt. Bis in diese meditative Stimmung jemand laut ins Wasser springt, und noch einer. Bruckner sieht das sehnsüchtig verehrte Mädchen heiter mit seinem Geliebten im See spielen, er schlägt die Hände vors Gesicht. Die "Tristan"-Musik hat ihn und uns keinen Moment verlassen, sie strebt unausweichlich ihrer Klimax und Bruckners seelischem Absturz entgegen. Keine Bilddramatik, nur die Hände vorm Gesicht. In der Totalen von See und dunklem Tann ringsum eilt Bruckner dann durch den einsetzenden Regen am Schilfufer entlang, ein einsamer Mann mit breitkrempigem Hut und schwarzem Gehrock, als wisse er wohin. Anton Bruckner, gefeierter Orgelimprovisator und am Beginn einer Komponistenkarriere, ist auf der Flucht vor den Furien erotischer Vergeblichkeit und vor der Unausweichlichkeit des eigenen Genies. Aber er wird sich entscheiden. Daß es so ist, wissen wir durch die Musik.

Releases

Bruckner’s Decision

1995 - 80 min - Jan Schmidt-Garre

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Theory

Heinrich Rombach: Decision

A decision cannot be based on a process of selection but takes place in direct relation to the whole being. A decision effects the being, what it is itself. When the choice of a career is considered a decision, for example, then it is not about whether it is the most "convenient", "promising" or "lucrative" profession among all the "possibilities", but about the profile of being itself. Whoever in this manner is a fisherman (doctor, pilot, blacksmith), is it in reality. He or she thus freely accepts certain limitations with clearly restrictive and at times oppressive effects, but thereby also gives birth to a decisiveness which has a certain force of assertion and conviction as a result.

Whenever a decision arises from a choice, then the stage of action is transformed and another structural model comes into force. If this transformation does not take place, then the choice is reduced to indecision; the decision completely loses the principle of selection without gaining a new, meaningful criterion. To be and act as a whole means to directly experience the whole of one's profile in a single possibility. The possibility thus loses its limitations and its demarcation to other possibilities.

"Different possibilities" no longer exist. Decision involves one single possibility, and that is the whole possibility of existence itself.
 Every decisive action also determines its past history, it establishes new meaning and purpose and organizes them in such a manner that it flows out of necessity. Every decisive action shapes its past history, it acts with the same energy toward the past as toward the future; life thus springs from a single point. In this sense, nothing is ever past.
 Expressed in the most general terms it can be said that the right decision is that which is a decision. And in fact, upon closer inspection, the situation of decision no longer appears as the presentation of comparable "possibilities", but as the offer to accept a single possibility, everything else is escape or deceit.

Interview on: “Bruckner’s Decision"

It's the Structure which Is the Venture

Jan Schmidt-Garre in conversation with Rebecca Fajnschnitt, March 1995

In "Bruckner's Decision" you attempt to construct a complete portrait of Bruckner from a very small episode in his life.

I have been fascinated by the theme of the existential decision for quite some time, particularly as a central point in the creative process, when it is a matter of using this and no other word in a line, this and no other color - and naturally in the life cycle when a person is challenged to make a decision beyond a given framework of this or that choice, to make a decision about his life as a whole. I was struck by Bruckner's biography, struck that a decision with such an existential significance might have given his life its direction and that it perhaps was even at the basis of the power and decisiveness of his late masterpieces. I thought that this might be the right angle for a film about Bruckner.

It is about the crisis at the end of his stay in Linz, 1867/68…

Around these years, Bruckner's life took an entirely new direction. All of a sudden, he had the courage to move to the metropolis of Vienna, where he became a full-time composer. He started to write symphonies, a genre with which he was almost entirely unfamiliar, and suddenly, from age 43 onwards, he produced one monumental symphony after the other. To me this decisive step must have been the consequence of an existential decision, with which one is confronted so rarely in life. He had arrived at a point where the alternatives of everyday life were collapsing. "Should I work, go out, write a motet or an organ piece, or meet Maria or Anna?" No: Shall I from now on take my life into my own hands, and decide who I am and will be, yes or no? It is not a question of deciding irrelevant matters, but of saying Yes or No to the only offer which I was made, of "Accepting myself", as Guardini puts it, thus ultimately it is a question of life or death.

Does the film live up to your original intentions and expectations?

Whenever I present the film I am both surprised and pleased to see that the viewers accept its form without questioning it. The film is made up of completely heterogenous material: bathing scenes in the spa of Bad Kreuzen, photos of Mexico, slow motion shots of St. Florian, an alpine Corpus Christi procession, a portrait of Manet. And on top of that, a complicated epistolary novel off-screen, between Bruckner and two fictitious contemporaries. This sounds pretty complicated, but, regardless whether people view the film with disfavour or favour, they never question its structure. And in fact it is the structure which is the real venture!

The structure of the film binds the elements in an organic manner, so that the heterogeneous nature of the material is hardly noticeable.

I am a completely traditional 18th century aesthetician with regard to demanding an inner unity from a work of art. In this sense, the divers elements are thus just more a formal challenge, for they are more difficult to force together. The foreign components should not impress the viewer as an intellectual concept, but they must lead to a direct and immediate experience. You are constantly torn between constructive intentions and the intrinsic dynamic processes of the material and must recognize that you have to work with the given material, with this actor, with this decoration - not with something fictitious or non-existent. And then again when editing: the film is going to be made from the material that you have. Every attempt to graft on an idea that was not realized from the script leads to intellectual kitsch. That can succeed, look at the Canadian film about Glenn Gould.

This structure probably could have taken its final form only during the editing process.

It was very difficult to put the material in its ultimate shape. Usually the material causes problems in the beginning, and then again shortly before the end; the bulk of the work involved is done more or less automatically. With this film, however, each cut was a struggle: two frames forward, two frames back, then revise the structure, and check the balance again. In this way it took us another five months after the rough version before I could watch the film without getting stuck.

Why did you decide to film this material, which is colored so strongly by the Austrian landscape and Baroque architecture, in black and white?

I wanted to recreate the climate of the world from which Bruckner drew the power for his work. I wanted to take the inner perspective rather than view the 19th-century composer's biography from a historian's distant point of view. I was inspired by the small booklets which you can buy in Austrian Baroque Churches and which illustrate the history of the church's architecture with insufficient black-and-white illustrations. To me these booklets, in a direct and sensual manner, convey the atmosphere of the religiousness which was typical of Bruckner's time and lasted perhaps until the beginning of the 20th century. If, in this respect, the film has turned out old-fashioned, I am perfectly satisfied.